Geschichten

Der Sieger


Die Nacht hatte sich über die Häuser der Stadt gelegt. Ein Kombi bog in eine schmale
Einfahrt und hielt vor einem lang gestreckten Gebäude, dessen Anbauten unschwer als Zwingerausläufe auszumachen waren. Der Fahrer stieg aus. Im Schein des aus dem Gebäude fallenden Lichtes erkannte man seine äußerst zufriedene Miene. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er öffnete die Heckklappe und heraus sprangen – etwas müde – einige Beagles, die eilig den Zwingern zustrebten und von dem Mann liebevoll mit Futter und Wasser versorgt wurden.


Im Wagen zurückgeblieben war eine einzelne Transportkiste, die der Mann nun vorsichtig in einen Nebenraum des Zwingers trug. Der Inhalt schien ihm offenbar lieb und teuer zu sein. Im Nebenraum angekommen, zog der Mann alle Fenstervorhänge zu und verriegelte die Tür sorgfältig. Erst dann hob er die Transportkiste hoch und setzte sie auf einen großen Tisch, der fast den ganzen rückwärtigen Teil des Zimmers einnahm. Er öffnete die Kiste und heraus kam DER HUND. Int.Ch., Dt.Ch., US.Ch., CSSR Ch., Ch. Von Liechtenstein und Monaco, Bundes-, Europa- und Weltsieger „Anthony of the Blackyard“ – auf allen internationalen Ausstellungen nur bekannt unter dem Namen „Joker“.


Joker hatte eine mehr als erstaunliche Zahl von Siegen auf Zuchtschauen in vielen Ländern und einigen Kontinenten errungen. Richter, die Zeit hatten, ihre Berichte als literarische Ergüsse abzufassen, hatten untereinander gewetteifert, die Vorzüge Jokers, sein vollkommenes Gebäude, den ausdrucksvollen Kopf mit seinen sanften dunklen Augen, seine Haltung, den Bewegungsablauf, ja selbst seine einmalige Aura und das schon fast traumhafte verhalten im Schauring mit höchstem Lob zu bedenken. Andere Aussteller – nicht nur von Jokers Rasse – verfielen in schiere Verzweiflung und tiefe Depressionen, wenn sie Jokers Namen im Ausstellungskatalog entdeckten. Wo Joker aber letztlich erschien, blieb bis zur letzten Minute ein Geheimnis, denn sein Besitzer meldete ihn praktisch auf jeder auch nur halbwegs wichtigen nationalen und internationalen Ausstellung, manchmal auf mehreren an einem Wochenende. Er hielt viel von der Verunsicherung des Wettbewerbs. Es war die einhellige Ansicht aller Aussteller, dass ein Hund mit solchen Vorzügen wie Joker praktisch unschlagbar war. Die Jahre waren freundlich zu Joker gewesen. Andere Hunde kamen und gingen im Schauring und zogen sich würdevoll und grau zurück. Joker jedoch zeigte sich noch immer in der vollen Blüteseiner Jugend, obgleich Gerüchte umliefen, dass er manchmal schon im Ring ein wenig taumelte und bei der Ausführung der Anweisung seines Vorführers etwas zögerte. Aber man tat dies als das neidische Geschwätz der Besitzer seiner häufigsten Wettbewerber ab.


Der im Nebenraum des Zwingers befindliche Tisch war rechteckig, mit einer Nirosta-Abdeckung, die am Rande zu einer Rinne auslief mit einem Abfluss an der Schmalseite. Er ähnelte deutlich den Tischen, die man in Autopsieräumen findet. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großer Schrank, dessen Nirosta-Gestell mit Milchglasscheiben verkleidet war. Der Mann öffnete die breiten Türen und holte eine Anzahl brauner Flaschen, Tuben, Dosen, Spritzen und anderer Utensilien hervor, die er sorgfältig auf dem Tisch ordnete. Auf dem Regalen im Innern des Schrankes konnte man Aerosolen und Flaschen erkennen, deren Aufschriften einem Schönheitssalon zur Ehre gereicht hätten. Daneben lagen große Blöcke weißer, brauner und schwarzer Kreide und einige Beutel mit Methylmethacrylat, einem vielseitig verwendbaren Kunststoff. Leise vor sich hinsummend wandte sich der Mann nun Joker zu. Zwei schnelle Bewegungen eines Fingers am Kopfe des Hundes förderten erst eine und dann eine zweite dunkelbraune Haftschale zum Vorschein. Joker blinzelte böse mit seinen blassgelben Augen. Mit geübten Griff öffnete der Mann Jokers Fang und entfernte je eine absolut vollständige obere und untere Gebisshälfte, die sorgfältig in ein mit einem Gebissreiniger gefülltes Marmeladenglas gelegt wurde, wobei die herrlichen Eckzähne im Licht der starken Deckenbeleuchtung aufglänzten.


Der Mann fuhr fort, Joker zu demontieren: wohlgeformte Prothesen, die an den Vorderläufen angebracht waren, um die angeborene Einwärtsbiegung zu korrigieren, fanden ihren Weg in einen gepolsterten Behälter, nachdem der als Haftmittel benutzte Silikonkautschuk mit einer Spezialflüssigkeit abgelöst worden war. Dieser Vorgang erweckte immer die ganz besondere Freude des Mannes, war er doch stolz auf das Kunstwerk dieser Prothese. Sie waren mit Jokers Haaren implantiert und hatten die Konsistenz „harter, aber plastischer Muskeln“ (Zitat Richterbericht).


Die einmalig attraktiven schwarzen und dunkelbraunen Flecken auf Jokers Decke flossen in die Abflussrinne, als der Mann ein Lösungsmittel über den Hund goss. Ein toupetähnliches Gebilde wurde nach einiger Einweichzeit vom Rücken abgezogen. Joker hatte dort eine kahle Stelle und dazu noch eine recht steile Kruppe. Der Mann hatte gelernt, dass bei einer bestimmten Anbringung des Toupets die Rutenhaltung genau richtig war. Der Mann konnte es sich nicht versagen, Jokers Testikel abzutasten, denn früher war Joker kryptorch. Aber jetzt schwangen dort zwei liebliche aber unproduktive Bällchen, sichtbar für jedermann. Niemals hatte jemand Jokers Anhängsel in Zweifel gezogen. Selbst der Dümmste konnte erkennen, dass sie „von richtiger Größe und korrekter Lage“ waren … und sie fühlten sich auch echt an!


Und so wurde Joker Stück für Stück in den Schrank gestellt.

Zeit zum Schlafengehen, mein Joker“ sagte der Mann, hob einen alten, grauen und eingefallenen Hund vorsichtig vom Tisch und brachte ihn in seinen Zwinger. „Nächste Woche in Wortfelden sind wir wieder dabei und werden sie alle schlagen.“


W.W. Ellisen

(frei nach A.C. Musladin


Ähnlichkeiten mit lebenden oder mit toten Hunden und Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig! Sollte sich jemand angesprochen fühlen …? Im Sinne unserer Hunde und der Fairness hoffen wir, dass es nur eine Geschichte ist …